Suche
  • Johanna Barton

Was ist denn bitte eine „Tuuula“? - Über das Berufsbild der Doula

Aktualisiert: Aug 9

Wenn ich zu Beginn meiner Tätigkeit gefragt wurde, was ich beruflich mache, hatte ich mir angewöhnt zu sagen, dass ich emotionale Geburtsbegleiterin bin, weil dies auf mehr Resonanz stieß, als das hierzulande wenig bekannte Wörtchen „Doula“. Zumindest war der Einstieg in die Erklärung erleichtert und ich konnte die nächste Frage „Aha, also wie eine Hebamme, oder?“ mit „Nein„ beantworten und in ein paar Sätzen war diese Unterscheidung auch geklärt. Die teils glasigen Augen und halb offenen Münder meiner GesprächspartnerInnen ließen mich zwar verstehen, dass sie das noch verarbeiten müssen, aber das konnte ich hinnehmen.


Meine aktuelle Taktik ist es, ganz selbstbewusst und mit großer Selbstverständlichkeit zu verkünden „Ich bin eine Doula“. Das oben genannte Prozedere wiederholt sich manchmal trotzdem, aber immerhin klingt es nicht mehr so als ob ich mich für meine außergewöhnliche Berufswahl entschuldigen müsste.


Eine runde aber wenig pragmatische Erklärung für mein Berufsbild lautet: Doulas begleiten Frauen und ihre PartnerInnen in der Schwangerschaft, bei der Geburt ihres Kindes und auch danach so lange es die Frau wünscht. Sie bieten emotionale, nicht medizinische Unterstützung und Informationen zum Thema Schwangerschaft und Geburt. Sie verhelfen Frauen zu einer selbstbestimmten Geburt, nach ihren eigenen Vorstellungen und Möglichkeiten und somit zu einem positiveren Erleben der Geburt.


Es ist für mich kaum fassbar, aber diese Aufgabe klingt für einige Menschen erst einmal so banal und nichts-sagend, dass sie als unnötig oder als neumodischer Schnickschnack abgetan wird und als etwas „das andere vielleicht brauchen, „aber für uns ist das nichts“. Für manche klingt emotionale Unterstützung sofort nach etwas esotherischem, etwas für schwache Gemüter und Selbsthilfe-Fans. Leider wurde dieses Meme bereits durch den kulturellen Mainstream geprägt. Als Gilmore Girls-Fan der ersten Stunde erinnere ich mich noch an die Folge in der Luke’s liebenswürdige, aber schräge und leicht zu beeindruckende Schwester Liz, zum Entsetzen aller Beteiligten, ihr Baby zu Hause und Begleitet durch eine Doula zur Welt gebracht hat. Doula Sandy war offenbar so toll, dass die Eltern dem Baby sogleich den Namen„Doula“ gaben. (Staffel 7, Episode 9).

T.J.:"We’re havin’ a baby, baby! It’s beautiful, you gotta get over here! "

Laut Comedian Ali Wong ist eine Doula gleichzusetzen mit einer „weißen Hippie-Hexe die dir Quinoa in deine Pussy bläst und den Geburtsschmerz verschwinden lässt wie Kaiser Söze“. (Mein Übersetzung aus ihrem Netflix Special Baby Cobra)*hüstel**räusper* jetzt ist der Blog leider nicht mehr jugendfrei… jedenfalls gibt es allerhand Traditionen für Waschungen und Räucherungen über die die eine oder andere Doula bescheid weiß, aber als eine Grundregel überlassen wir eure Vulva, euren Muttermund und eure Gebärmutter gerne den lieben Hebammen, die für diese ehrenvolle Aufgabe ausgebildet wurden. Hier liegt die wesentliche Unterscheidung zwischen Hebamme und Doula.


Ich persönlich bin fasziniert vom Körper und seinen Abläufen und wurden zum Teil geschult über die Anatomie des Beckenbodens, die Veränderungen im Laufe der Schwangerschaft und die unbedenklichen oder auffälligen Symptome die eine solche begleiten. Natürlich kenne ich den typischen Geburtsverlauf und weiß über mögliche Komplikationen bescheid. Aber, ich verfüge nicht über die Kompetenzen eine medizinische Einschätzung über den Gesundheitszustand von Mutter und Kind abzugeben. Ich mache keine Muttermunduntersuchungen, keine Bestimmungen der Kindslage, keine Messungen jeglicher Art. Bei Fragen betreffend diesen Bereich, bitte ich immer um die Abklärung mit Hebammen oder GynäkologInnen. Sie stellen sicher, dass Mutter und Kind gesund bleiben und beobachten Risikofaktoren. Wir alle arbeiten professionell und haben das gemeinsame Ziel vor Augen, dass Mutter und Kind bestmöglich durch Schwangerschaft und Geburt begleitet sind.


Also Schwangere emotional begleiten, nichts medizinische, aha. Aber was zur Hölle macht eine Doula eigentlich? Die steht doch nur herum oder?

Dazu ein entschiedenes Nein. Für Unaufmerksame mag es vielleicht manchmal so wirken, aber als Doula übernehme ich all die Dinge die so wenig Beachtung finden und so viel bewirken können.


Als Doula kümmere ich mich ausschließlich um die werdenden Eltern und ihre Bedürfnisse. Unser aller Grundbedürfnisse sind ähnlich. Frei nach Maslow: Nahrung, Schlaf, Sicherheit. Doch sogar die Deckung dieser Grundbedürfnisse sind bei Geburten leider nicht immer selbstverständlich. Eine gebärende Frau ist um ein vielfaches verletzlicher als gewohnt und braucht ein Umfeld in dem sie sich extrem woh und sicher fühlt und indem sie sich vertrauensvoll fallen lassen kann. Warum? Weil sie es verdient. Und weil dies ein häufig unterschätzter Faktor für sichere und befriedigende Geburten ist. Ich verhelfe der Frau zu erkennen was es braucht, damit sie sich sicher und geborgen fühlt. Ich helfe ihr zu erkennen, dass sie es wert ist, ihre Bedürfnisse zu äußern und es ihr gutes Recht ist dies zu tun. Wenn ihr das sehr schwer fällt versuche ich ihr die Wünsche von den Lippen abzulesen oder handle provisorisch.


Ich bin die Frau die Lüftet, wenn niemand daran denkt und die einen Strohhalm in der Tasche hat, damit sich die werdende Mama beim Trinken nicht anschüttet. Ich bin außerdem die Frau die mit der Gebärenden in der Dusche steht um den Wehenschmerz zu mildern (ja, den Bikini hab ich dabei) und ihr hilft sich wieder auf die Atmung zu konzentrieren wenn sie der Schmerz überkommt. Ich erinnere sie an Dinge die sie sich vorab gewünscht hat und setze mich dafür ein, dass diese Berücksichtigung beim Personal im Krankenhaus finden, wie etwa das Auspulsieren der Nabelschnur. Ich flüstere ihr sanfte Worte zu oder feuere sie an. Ich beruhige die PartnerInnen wenn sie Angst um ihre Frau haben und gebe ihnen Tipps wie sie ihr am besten helfen können.

Es gibt unzählige weitere Beispiele wie man sich vorstellen kann. Im Englischen spricht man bei den Aufgaben von Doulas von emotional und physical help sowie von advocacy. Letzteres beschreibt die Rolle einer Fürsprecherin bzw. einer Verfechterin der Bedürfnisse der Mutter. Ich spreche niemals für eine Frau, sondern helfe ihr bei der Kommunikation mit den Geburtshelfern. Die genannten Tätigkeiten enthalten Beispiele aus allen drei Sparten und greifen meistens ineinander.

Abschließend noch die oft zitierte aber ausgelutschte Erläuterung: Das altgriechische Wort Doula wird übersetzt als Dienerin der Frau. Gut, die alten Griechen hatten wohl eher Sklaven, statt Diener und schon gar keine modernen Dienstleisterinnen - wer sich das überlegt hat weiß ich bisher nicht, aber es beschreibt die Rolle eigentlich ganz gut.


Die WHO empfiehlt übrigens die Begleitung durch eine Doula um die Wahrscheinlichkeit für positivere Geburtserlebnisse und respektvollere Geburtshilfe zu erhöhen. In Studien hat sich wiederholt gezeigt, dass die kontinuierliche Anwesenheit durch eine vertraute Person, durchwegs positive Auswirkungen auf den Geburtsverlauf hat. Die Kaiserschnittrate sinkt deutlich, die Interventionsrate sinkt, es werden weniger Schmerzmittel gebraucht und das Schmerzempfinden ist weniger ausgeprägt. Der 5-Minuten Apgar-Score des Kindes fällt besser aus und sowohl Mütter als auch Väter bewerten die Erfahrung der Geburt als positiver. Auch Väter bzw. die Partnerinnen der Mütter, nahestehende Verwandte oder Freundinnen können der Mutter diese Begleitung bieten, aber der Abfall der Kaiserschnittrate um 25% wurde tatsächlich nur mit einer Begleitung verzeichnet, die weder zum Klinikpersonal noch zum sozialen Kreis der Mutter gehörte, einer Doula eben. Negative Effekte? Bisher sind keine bekannt. *micdrop* Hier eine schöne Aufarbeitung der Datenlage.


Als Doula stehe ich nicht am unteren Ende der Hierarchie der GeburtsbegleiterInnen. Ich stehe außerhalb gegebener Systeme und an der Seite der gebärenden Frau. Ihr gilt meine Loyalität und den GeburtshelferInnen mein Respekt. Besonders angenehm verlaufen Geburten, wenn alle Beteiligten es schaffen ein Team für die Mutter zu bilden. Die Beziehung zwischen dem medizinischen Personal ist denke ich ebenso relevant wie die Beziehung zwischen Doula und Kindsvater. Ein einfühlsames Geburtsteam dem die Frau vertraut, ist unbezahlbar und etwas was jede Frau verdient.

29 Ansichten
  • Weiß Facebook Icon
  • Weiß Instagram Icon

© 2020, Löwenherzin – Deine Doula mit Zartgefühl und Stärke in Innsbruck